Silvester 1904/1905 - Sturmflut in Kiel

Schon am 30. Dezember, einem Freitag, regnete es in Kiel heftig, dazu wehte ein starker Wind aus Südwest. Im Laufe des Tages wandelte er sich zu einem Orkan aus Nordost. Die Fischer in der Außenförde mussten ihre Arbeit beenden, der Bootsverkehr außerhalb der Linie Bellevue-Mönkeberg wurde eingestellt, ebenso die Löscharbeiten an den Kais in Kiel.

Schon um Mitternacht war der Wasserpegel höher als üblich. Die ganze Nacht und am letzten Tag des Jahres stieg er unaufhörlich weiter. Bald war die gesamte Hafengegend vom Eisenbahndamm bis zum Seegarten überschwemmt. Die zu Bergen aufgetürmten Kohlenhaufen auf der Mole am Eisenbahndamm ragten als schwarze Inseln aus den Fluten hervor.

Zunächst wurden natürlich die Häuser am Wall in Mitleidenschaft gezogen. Die Keller dort standen unter Wasser, in vielen Räumen schwammen die Möbel unter der Decke. Es war unmöglich, sie zu bergen, denn die Bewohner waren froh, sich selbst mit ein paar Vorräten und Bettzeug in Sicherheit zu bringen.

Unangenehm waren die Verkehrsstörungen an der Holstenstraße Ecke Holstenbrücke. Fußgänger konnten hier nur mit Gummistiefeln passieren, die Straßenbahn nicht mehr durch alle Straßen der Innenstadt fahren. Manch Kieler war froh, wenn er auf einen Wagen, der vom Wochenmarkt kam, aufspringen konnte. Den Hausdiener der „Börse“ sah man seinen Gast huckepack von der einen Straßenseite zu anderen schleppen. Pfiffige Bootsführer und Fischer boten ihre Dienste für zwei Groschen pro Fahrt von Haus zu Haus an.

Die Menschen versuchten mit Sandsäcken, Schotten und Brettern Türen und Fenster abzudichten. Die Feuerwehr leistete ununterbochen mit herkömmlichen Geräten und mit Dampf- und Handspritzen Hilfe, die aber meist wirkungslos blieb, weil das eindringende Wasser nicht zurückzuhalten war. Bis 2,65 m über das Mittelwasser war der Pegel angestiegen.

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Fotoserie von Wilhelm Jacobsen

Am Neujahrsmorgen ging das Hochwasser langsam zurück. Die Schäden waren sehr groß. In der Altstadt waren viele Lagerbestände vernichtet, auch Haus- und Küchengeräte. Von der Seeburg bis Bellevue und weiter nach Norden, wo die Vorgärten in den Fluten versunken waren, breiteten sich Schlamm und Seegras fußhoch aus. Am Düsternbooker Weg lagen um Ufer ungefähr zehn zertrümmerte Boote, einige waren ganz verloren gegangen. Aus den Fördeorten kamen ebenfalls schlimme Nachrichten. Im Laboer Hafen waren fünf Schiffe gesunken, die Besatzung aber glücklicherweise gerettet. In Mönkeberg wurde die Brücke zertrümmert. Weniger Schäden waren in Heikendorf und Holtenau zu verzeichnen.

Auch andere Orte an der Ostseeküste waren betroffen, ebenso die Westküste, da das Unwetter zunächst mit einem orkanartigen Südweststurm begonnen hatte.

Quelle: Christa Geckeler, Kieler Erinnerungstage: 31. Dezember 1904 | Silvester vor 100 Jahren – Sturmflut in Kiel (vom 31.12.2004) auf kiel.de

Fotoserie von Carl Speck

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